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Der Stille entgegen
Giancarlo Testa (1932 – 2009)

Abb. Giancarlo Testa

Er fühle sich immer freier, gelassener und ruhiger, hat Giancarlo Testa vor einigen Jahren gesagt. Vielleicht ende er noch im Glück, fügte er beinahe entschuldigend und lächelnd an. Vielleicht weil er gelebt habe, er wisse es nicht, hier würden die Worte scheitern.

Giancarlo Testa ist 1932 in Pola (heutiges Pula) in Italien geboren und in Lerici bei La Spezia aufgewachsen. Seine Vorfahren waren Seeleute: Kapitäne und Matrosen. Auch er ging nach dem Diplomabschluss als Marineoffizier aufs Schiff, lernte viele Länder und fremde Kulturen kennen. Das Hauptthema seiner Bilder waren Schiffe und Hafenanlagen. Als er die Kunstakademie von Florenz besuchte, war er als „Il pittore dei porti“ bekannt.

Bei all seinen breitgefächerten Interessen ist er Künstler geblieben, auch in seiner therapeutischen Arbeit. Er hat sich als solidarisch mit den Prozessen der Anderen empfunden. Durch die Seefahrten bei der Marine hatte sich sein Blick bei der Beobachtung der Naturphänomene geschärft. Die Zwischenräume für die Form und für die Farbe erregten seine Aufmerksamkeit. Eine Meeresenge, welche das Schiff passieren muss, ist im übertragenen Sinne auch in der Therapie zu finden. Klienten und Klientinnen gehen während des Malens durch die Enge ihres Lebens hindurch. Wenn der maltherapeutische Prozess gelingt, erreichen sie das „offene Meer“ ihrer Möglichkeiten.

Nach dem Krieg hielt er das Clansystem der damaligen italienischen Gesellschaft nicht mehr aus, sowohl auf der politischen wie auf der gesellschaftlichen Ebene. 1955 kam er nach Zürich. In der EMPA, seiner ersten Arbeitsstelle, war er der einzige Ausländer. Die Propaganda gegen die italienischen Einwanderer hatte gerade begonnen und gipfelte in einer Überfremdungsinitiative. Es folgte das Selbststudium der Psychologie und die Bekanntschaft mit Prof. C.G. Jung. Von ihm kam die Anregung, Maltherapie zu praktizieren. Testa eröffnete ein eigenes Atelier in Zürich für spontanes Malen, Maltherapie, Unterricht und Raumgestaltung. Ab 1960 hielt er sich vier Jahre in Barcelona auf, machte eine Weiterbildung an der Escuela Massana, pflegte Kontakte mit internationalen Künstlergruppen. Es folgten Einzel- und Gruppenausstellungen in der Schweiz, Italien und Spanien, seine Werke wurden für Privatsammlungen angekauft. 1965 liess er sich definitiv in Zürich nieder, arbeitete als Maltherapeut an verschiedenen Institutionen und entwickelte didaktische Aktivitäten im C.G. Jung Institut, am Institut für angewandte Psychologie, an der Uni und an der ETH Zürich. Das Malen war ihm Berufung, sein „Basso Continuo“. Giancarlo Testa war in der Zürcher Szene bekannt, wollte aber bald nichts mehr mit Galerien zu tun haben. Seine Aufmerksamkeit galt immer der Aktualität. Die Galeristen akzeptierten nicht, dass er seinen Stil änderte. Ab 1988 war er im Bereich der Wirtschaft tätig, Mitwirkung an Tagungen, Meetings, für „Kader auf der Suche nach neuen Wegen“, Weiterbildung für verschiedene Berufstätige aus den Gebieten Psychologie, Psychiatrie, Wissenschaft, Wirtschaft und Militär. Seit 1992 erarbeitet er synthetische und futurologische Konzepte in der Kunst sowie in den erwähnten Gebieten.

Giancarlo Testa erzählte von Erinnerungen an die Kriegszeit, an den betäubenden Lärm. Und an die Stille danach, an den Geruch vom Kalk der eingestürzten Häuser. Das sei die Stille, die sogar die Stille des Todes übertreffe. Ein Spiel zwischen der Unruhe und der Ruhe. Diese Stille habe er später beim Meditieren im Lärm des Place de l’Etoile in Paris wieder gefunden. Auch sei er lange Zeit ein begeisterter Autofahrer gewesen, habe durch die Po-Ebene Kilometer gefressen, Tangentiale West, Mailand, Parma, Bologna. Dabei kam er in meditative Zustände. Bei Fontanellato habe er oft eine Vision gehabt, dabei etwas wie eine Neoninschrift in rosarot gesehen: „… et hic est Amor Universalis“ („… und hier ist die Universale Liebe“).

Giancarlo Testa war mit Rosmarie Merian verheiratet. Ihre gemeinsame Tochter Maurizia ist Künstlerin, lebt mit ihrer Familie in Italien. Er freue sich auf den Tod, auf diese neue Erfahrung, die ihm bislang noch gänzlich unbekannt sei, hat Giancarlo bei unserem letzten Gespräch im Frühling dieses Jahres gesagt. Er wolle aber noch ein bisschen leben, wolle die Grosskinder nochmals sehen, mit ihnen spielen. Wahrscheinlich gehe er langsam der richtigen Stille entgegen. Was ihn immer aufgeregt habe, der Lärm der Welt, es berühre ihn nicht mehr.

Giancarlo Testa ist am Freitag, 25. Oktober 2009 an den Folgen seiner Krankheit gestorben.


Stephan Mathys, Oktober 2009

Stephan Mathys, A ruota libera, 2006


Werke

Die abgebildeten Werke aus dem Nachlass von Giancarlo Testa geben einen Einblick in sein experimentorientiertes Schaffen. Das Werk ist sehr umfangreich und nicht inventarisiert. Falls Sie im Besitz von Arbeiten Giancarlo Testas sind, freuen wir uns über Ihre Kontaktnahme.

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Abb. Öl auf Leinwand, 35x27 cm, sig. C.G. Testa Abb. Öl auf Leinwand, 40x60 cm, sig. TESTA Abb. Öl auf Leinwand, 27x35 cm, sig. T.G. Abb. Öl auf Leinwand, 20,5x20,5 cm, sig. G.C. TESTA Abb. Öl auf Leinwand, 50x40 cm Abb. Öl auf Leinwand, 60x100 cm, sig. TESTA Abb. Öl auf Leinwand, 100x140 cm, sig. TESTA Abb. Durchbruch, 2003, Gouache auf Papier, 94x63 cm, sig. TESTA Abb. Fata Morgana (Villa Colombella, Perugia), 1997, Bleistift, Kreide, Gouache und Collage Abb. Hommage à Max Planck, Aquarell und Farbstift auf Papier, 30,5x42,5 cm Abb. Aquarell, 29,5x42 cm, sig. TESTA Abb. Muro a Lerici V., Acryl, Plastikfolie, Bleistift, 40x50 cm, sig. Testa Abb. Muro a Lerici IV., Acryl, Plastikfolie, 40x50 cm Abb. Acryl, sig. TESTA Abb. Öl auf Leinwand Abb. Öl auf Leinwand, sig. TESTA Abb. Öl auf Leinwand (Ausschnitt), sig. TESTA Abb. Öl auf Leinwand, sig. TESTA


Vorträge

Wir erarbeiten zurzeit eine Zusammenstellung der Vorträge von Giancarlo Testa. Sollten Sie im Besitz von Material (Skripten oder Tonaufnahmen) sein, bitten wir Sie, sich mit uns in Verbindung zu setzen.

© Erben von Giancarlo Testa

DateiDateigrösseKontextTitel des VortragsSpiellängeDatierung
Audio-File76.2 MBMaltherapeuten-Ausbildung, ZürichMalsymbole: Angst01:23:1529.11.1989
Audio-File66.8 MBMaltherapeuten-Ausbildung, ZürichFarbsymbolik VII01:12:55